Zukunftsucher

Der Zukunftsforscher wird gerne mit dem Wahrsager verwechselt: Man erwartet von der Branche immer ein wenig Weihrauch und Selbstinszenierung. Das Orakel von Delphi setzte da den ewigen Maßstab.


Der Zukunftsforscher wird gerne mit dem Wahrsager verwechselt: Man erwartet von der Branche immer ein wenig Weihrauch und Selbstinszenierung. Das Orakel von Delphi setzte da den ewigen Maßstab.


Auch die Priester im alten Rom waren nicht schlecht, wenn sie mit finsterer Miene die Flugbahnen der Vögel oder tierische Eingeweide studierten. In modernen Zeiten hofften die Auguren eine Zeit lang auf Großrechner, in deren mathematischen Schleifen sie Zukunftsformeln kreisen ließen. Mit all dem können die Daimler-Zukunftsforscher nicht aufwarten. Es geht eher still und bescheiden zu in ihrem Großraumbüro am Potsdamer Platz in Berlin, in dem rund 40 Mitarbeiter sich auf die Spur von „langfristig denkbaren Marktumfeldentwicklungen“ begeben. Kein Platz für Glaskugeln, es sind auch keine Raketenantriebe oder fliegende Autos zu entdecken. Stattdessen diskutiert eine lässig gekleidete Gruppe junger Leute vor einem Flipchart, auf dem „Future Urban Mobility“ steht. Auch Frank Ruff und Thomas Waschke, die Daimlers „Society and Technology Research Group“ in Berlin leiten, sind eher von der nüchternen und vorsichtigen Art. Das Wort „Prognose“ nehmen die beiden am liebsten gar nicht in den Mund.

Hochachtung vor der Zukunft

Die Zukunftsforscher arbeiten mit „Szenarien“. Das Szenario, und das macht es sympathisch, ist die demütige Form der Prognose. Endgültige Voraussagen werden mit dieser Methodik nicht angestrebt, sondern verschiedene mögliche Zukünfte beschrieben. Und darunter gibt es wiederum mehr oder weniger wahrscheinliche und mehr oder weniger wünschenswerte. „Bedauerlicherweise sind die wünschenswerten nicht immer die wahrscheinlichen“, gibt Thomas Waschke zu bedenken, „wir können uns die Welt nicht so backen, wie wir wollen.“

Eine gewisse Hochachtung gegenüber der Zukunft lehrt ja allein schon der historische Ort, an dem die Berliner Daimler-Forscher logieren. Der Potsdamer Platz war einstmals Deutschlands verkehrsreichstes Pflaster, 1925 wurde hier die erste Verkehrsampel aufgestellt. Dabei hatte der vorausschauende Kaiser Wilhelm II. seinen Untertanen noch ein paar Jahre zuvor prophezeit: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Weitere 25 Jahre später war der Platz nur noch eine vom Krieg zerstörte und verlassene Wüstenei im Niemandsland zwischen Ost und West, bis dann 1989 die Mauer fiel – was in den zeitgenössischen Prognosen auf keinen Fall vorgesehen war.

Die Daimler-Zukunftsforschung arbeitet nun seit 30 Jahren in Berlin und im Zeichen der Globalisierung, 1994 ist noch ein Ableger im kalifornischen Palo Alto hinzugekommen. Die Entscheidung, die neue „Forschungsgruppe Verkehr, Umwelt, Zukunft“ 1979 in der geteilten Stadt anzusiedeln, hatte mehrere Gründe: Berlin bot ein vielfältiges wissenschaftliches und internationales Umfeld. Die Stadt formte zugleich ein soziales und gesellschaftliches Experimentierfeld. Außerdem hatte das Engagement auch eine politische Dimension: Daimler-Benz (wie das Unternehmen damals noch hieß) bekannte sich zum Standort Berlin und damit zu einem Außenposten der Freiheit. Das wiederum lehrt, dass Zukunft eben nicht nur erlitten, sondern auch gemacht wird – jeden Tag von uns allen. „Wir können die Zukunft nicht kennen. Aber wir können uns auf die Zukunft vorbereiten. Dafür müssen wir verstehen, dass wir selbst es sind, die unsere Zukunft gestalten“, heißt einer der Leitsätze des Hauses.

Horizonte öffnen

Die damalige Gründung eines Trabanten für „nichttechnische Analysen zukünftiger Entwicklungen im Umfeld des Automobils“ zeigt in der Retrospektive eine bemerkenswerte Weitsicht der Ingenieure und Maschinenbauer, die das Unternehmen traditionell prägten. „Andere Unternehmen waren da noch längst nicht so weit“, sagt Frank Ruff, promovierter Psychologe und Soziologe, der das Tätigkeitsfeld als „strategische Frühaufklärung an den Systemgrenzen des Unternehmens“ umreißt. Ein interdisziplinäres Team von Psychologen, Volkswirten, Kommunikationsfachleuten, Kaufleuten, Physikern und Philosophen leistet diese Aufgabe. „Zukunftsbetrachtungen erfordern eine Vielfalt von fachlichen Horizonten und kulturellen Herkünften, eine Zusammenschau, wie technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenwirken und Veränderungen bewirken“, erläutert Ruff, „deshalb sind auch vielfältige Kontakte zu externen Experten, zu Forschern in anderen Branchen, zu Denk- und Sichtweisen in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens von großer Bedeutung“.

Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Immer mehr Menschen leben als Singles. Und die wollen nun mal andere Autos als die klassische Familie. Die Erkenntnisse über andere Lebensentwürfe der Menschen liegen ganz sicher an den „Systemgrenzen“ eines Automobilherstellers, aber dennoch kann die „strategische Frühaufklärung“ wertvolle Hinweise für seine Entscheidungen liefern.

Ein ganz konkreter, aktueller Fall erfolgreicher Frühaufklärung und der engen Zusammenarbeit zwischen den Zukunftsforschern und den Fahrzeugentwicklern sind die Transporter des Hauses Daimler und deren Ausstattung. Der Moment, in dem ein paar junge Unternehmer auf die Idee kamen, gebrauchte Gegenstände über das Internet zu versteigern, war zugleich ein Moment von großer Tragweite für die Hersteller von Nutzfahrzeugen. „Als Internetfirmen wie eBay und Amazon immer erfolgreicher wurden, haben wir uns die Frage gestellt, was das Heranwachsen dieses neuen Versandhandels für die Konzeption unserer Transporter bedeutet“, erinnert sich Thomas Waschke. Und daraus ergab sich ein umfangreicher Fragenkatalog für den Entwicklungsbereich: Wie groß werden die Pakete sein? Wie können Regalsysteme im Auto optimal der Einzelauslieferung angepasst werden? Wie erleichtert man dem Spediteur das ständige Ein- und Aussteigen? Wie muss das Cockpit gestaltet sein, damit der Fahrer von seinem Sitzplatz aus disponieren und navigieren kann?

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